Nachricht in den Himmel

Heute (11.07.2014) ist es schon drei Jahre her, dass du von uns gegangen bist, dass du mich hier alleine gelassen hast. Ich möchte dir hier nochmal unsere Geschichte erzählen, auch wenn du sie selber wohl mit mir zusammen am besten kennst. Jedenfalls. Mama war schwanger mit mir und war immer bei deinem Frauchen, meiner Oma zu Besuch. Du warst noch ein ganz kleiner Hundewelpe, grade erst fünf Wochen alt, musstest von deiner Mama weg, wärest fast im Tierheim gelandet. Aber da hat das Schicksal ausnahmsweise mal eine gute Tat vollbracht. Naja auf jeden Fall fandest du Mamas Babybauch immer total interessant und hast dich liebend gerne draufgelegt. Du hast immer versucht in Mamas Bauch reinzugucken... Ich war ja nur indirekt dabei, aber ich glaube, das war soooo süß <3 Als ich dann zwei Monate nach dir geboren bin, fandest du mich immernoch sehr interessant. Aber ich hatte Angst vor dir. Wirklich echt üble Angst. Aber immerhin warst du im Gegensatz zu mir auch schon mit einem Jahr ausgewachsen. Und du sahst aus wie ein Wolf. Ein großer, schwarzer Wolf. Aufgrund Mamas Arbeit war ich im Alter zwischen 3 und 10 so gut wie jeden Tag bei Oma und dir, sofern Kindergarten/Schule vorbei war. Als ich drei Jahre alt war, wollte ich immernoch nichts mit dir zu tun haben. Immer, wenn ich bei Oma war, saß ich im ersten Stock und hab gespielt, während du unten in der Küche bleiben musstest, obwohl du immer gerne mit mir spielen wolltest. Sorry auch nochmal dafür. Irgendwann, als ich vier Jahre alt war und gerade alleine in der oberen Etage von dem Haus meiner Oma spielte, bist du unten in der Küche auf die Türklinke der Tür gesprungen, sodass diese sich öffnete. Du warst eben schon immer der schlauste 'Hund' überhaupt. Du gingst die Treppe hoch und als meine Oma wieder nach oben kam, sah sie wie wir beide auf dem Boden gekuschelt haben. Ganz plötzlich, wie auf Knopfdruck, hatte ich meine ganze Angst vor dir verloren. Seit diesem Tag spielten wir immer zusammen. Jeden Tag. Als ich in die Schule kam, hatte ich es nicht so leicht in meiner Klasse. Ich kannte da niemanden und ich fand auch keinen Anschluss. Ich war immer alleine. Aber dafür bin ich dann jeden Nachmittag zu dir gekommen, mit dir konnte ich sowieso viel besser spielen. Und unterhalten konnten wir uns auch. Ich sagte dir mit Worten was und fühlte deine Antwort förmlich. Als ich kleiner war, ist das niemandem komisch aufgefallen, dass ich mit dir redete, aber als ich größer war... Alle hielten mich für bescheuert, aber keiner begriff, dass ich dich verstand. Auf jeden Fall erzählte ich dir von den Problemen, dass ich keine Freunde hätte und dass ich mich doch irgendwie alleine fühlte, aber du gabst mir neue Kraft und schließlich fand ich auch ein paar Freunde und eine beste Freundin. Dann kam die nächste Herausforderung auf mich zu. Meine, beziehungsweise unsere Familie brach komplett zusammen. Ich wollte meine Halbschwester väterlicherseits kennenlernen, durfte es von meiner Mutter aus nicht, wodurch ein riesen Krieg zwischen Mama und Papa entstand, Mama mochte Papas Verwandten nicht, Papa mochte Mamas Verwandte nicht und ich stand zwischen den Stühlen. Also bin ich noch häufiger zu dir gegangen, damit ich mit dir reden konnte. Mich machte das alles so fertig. Aber zusammen standen wir alles durch. Das war schon immer so. So lang ich denken konnte, verbrachten wir jeden Tag miteinander. Du warst der wichtigste Bestandteil meines Lebens und unsere Kommunikation wurde immer besser. Wenn ich mal nicht bei dir war, wusste ich trotzdem was du machst, wo du warst, wie es dir geht. Wir wurden auch immer gleichzeitig krank. Im Endeffekt waren wir beide eins. Eines Tages, Ende Juni 2011, ging es mir auf einmal ganz komisch. Ich bin sofort zu dir losgegangen. Du hustetest stark und deine Blicke waren anders als sonst. Und auch das was du mir 'sagtest' war ganz anders als sonst. Ich machte einen riesen Aufstand, bis dein Frauchen dann letztendlich einen Tierarzt rief. Obwohl du nur Husten hattest. Meine Mutter kam auch zu deinem Frauchen nach Hause, einfach weil ich total aufgelöst war. Alle versuchten mich zu beruhigen und irgendwann sagte die Tierärztin, dass du eine Bronchitis hättest und dann bekamst du ein Antibiotikum. Alle sagten, dass ich mich beruhigen könnte und wieder runterkommen sollte. Ging aber nicht. Nach außen hin war ich ruhiger, aber innen ging gar nichts mehr. Ich war Tag und Nacht panisch, bekam bei jedem Signal von dir, dass es dir nicht gut ging fast einen Herzinfarkt. Ich hatte Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und konnte einfach nicht mehr richtig leben. Ich war jeden Tag so lang wie es ging bei dir, aber deine 'Bronchitis' wurde nicht besser. Ich sagte immer wieder allen, dass das keine Bronchitis ist, aber keiner glaubte mir. Alle sagten, dass das Antibiotikum nur eine Zeit brauchen würde, um anzuschlagen. Und irgendwann kam der Tag. Der 11.07.2011. Ich wachte auf, mir war speiübel. Mir ging es nie so beschissen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, wusste, dass ich nicht krank war, höchstens vor Sorge. Das Gefühl hat mich fast getötet. Ich beschloss weit weg zu gehen. Ich lief und lief und lief. Bis ich irgendwann in einem anderen Dorf angekommen war. Meine Eltern waren beide bei der Arbeit, ich war alleine. Und dann saß ich da in dem Dorf auf einer Bank. Auf ein Mal: Leere. Alles in mir war leer. Mich ergriff Panik, ich bekam Schweißausbrüche, unsere Verbindung war weg. Die Verbindung unserer Herzen, die wir unser ganzes Leben lang ohne Unterbrechung hatten. Ich zitterte, rannte mit aller letzter Kraft nach Hause. Tief in mir drin wusste ich, was passiert war. Ich sah meine Mutter an unserer Haustür. Ich lief zu ihr und schrie ihr entgegen: "Ich geh zu (Name). Ich bin heute Abend wieder da!" Sie guckte mich an und sagte, ich sollte mit rein kommen. Ich wollte nicht, weil ich wusste, was kommen würde. Trotzdem ging ich mit. "(Name) hat dich heute Morgen die ganze Zeit gesucht. Wir hatten uns schon gewundert warum er das macht... Aber er wollte dir Tschüß sagen. Denn jetzt ist er..." "...tot." beendete ich ihren Satz und ging hoch in mein Zimmer. Ich lehnte an meinem Schrank, Starrte Löcher in die Luft. Ich weinte nicht. Ich war leer, ich war selber fast tot. Zwei Stunden lehnte ich so an meinem Schrank. Dann sackte ich zusammen und fiel schreiend zu Boden. Ich schrie, weinte, zitterte... Wenn jemand zu mir kam, egal wer es war, ich schlug um mich. Ich verschanzte mich in meinem Zimmer. Vier Tage lang. Vier Tage, an denen ich mir Vorwürfe machte, weil du mich gesucht hattest. Du warst immer für mich da, hast nie was zurück verlangt. Aber wenn du mich ein Mal in deinem Leben brauchtest, war ich nicht da. Ich hasste mich so sehr dafür. Und warum hatte ich mich nicht mehr durchgesetzt? Ich wusste die ganze Zeit, dass es keine verdammte Bronchitis ist! Du hattest einen Tumor im Hals. Ich hatte jede Nacht Alpträume und ich hab die vier Tage nichts gegessen. Meine Mutter zwang mich was zu essen, aber ich blieb minimalistisch. Bis sie mit mir wegen 'Appetitmangel' zum Arzt ging. Der verschrieb mir dann so einen komischen Saft. Eine Woche später, völlig abgemagert, ging ich alleine, ohne dass meine Mutter was davon wusste zum Arzt. Ich erzählte ihm, dass das kein Appetitmangel war, sondern dass ich am Boden zerstört bin, dass ich jeden Tag das Gefühl hab, mein Herz zerreist. Er sah mir tief in die Augen. Wir redeten und irgendwann meinte er, dass ich wohl leichte Depressionen hätte. Aber er meinte, dass er keine Medikamente verschreiben will oder einen Psychologen einschalten will. Er sagte, dass ich kurz warten soll, schrieb eine Adresse auf einen Zettel, schob mir diesen hin und ging. Fünf Minuten später kam er wieder, einen Arm hinter dem Rücken. "Hier dein Langzeitmedikament. Mach was draus." er nahm den Arm hinter dem Rücken hervor und hielt eine Gitarre in der Hand. Ich nahm diese und ging. Erstmal stand diese nur rum. Ich hatte keine Lust. Ich aß zwar wieder normal, aber mir ging es immernoch so beschissen. Ich ritzte mich und war einfach am Boden. Irgendwann dachte ich mir: "Was solls... Vielleicht hat er recht und es hilft wirklich." Ich ging zu der Adresse, die auf dem Zettel stand, mit meiner Gitarre in der Hand. Ich klingelte an dem Haus, das eine Musikschule oder sowas ähnliches zu sein schien. Ein älterer Mann machte mir auf. "Hallo. Können Sie mir Gitarre spielen beibringen?" war der Satz, mit dem alles begann. Mittlerweile ist diese Musikschule mein zweites zu Hause, so wie du es damals warst, mein Großer. Ich habe dort meinen besten Freund kennengelernt und bezeichne diese Leute in dieser kleinen Schule als meine wahre Familie. Jeden Montag bin ich da und wenn es mir mal nicht gut geht bin ich auch rund um die Uhr herzlich willkommen. Diese Schule und die Menschen dort und vor allem mein Arzt haben mich vor meinem sicheren Tod bewahrt, denn wenn die alle nicht gewesen wären, hätte ich dem inneren Schmerz nicht mehr standgehalten. Nicht mehr lange. Nun bist du schon drei Jahre weg... und ich? Ich hab immernoch depressive Phasen, gut geht es mir noch lange nicht. Ich meine du warst alles für mich, und immer wenn ich an dich denke, deinen Namen höre oder einen Hund sehe, der dir ähnlich ist, breche ich bis heute noch sofort in Tränen aus. Aber es geht mir besser. Nur diese Schuldgefühle. Tag und Nacht quälen sie mich. Aber mein Schulsozialarbeiter und ich reden immer wieder drüber... Vielleicht wird es irgendwann besser. Vielleicht auch nicht. Vielleicht sehen wir uns ganz bad wieder. Vielleicht dauert das auch noch. Ich weiß es nicht. Du hast eine Hälfte meines Herzens mitgenommen, ohne dich bin ich unvollständig. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an dich denke. Es gibt keinen Tag, an dem ich dich nicht vermisse. Es tut so weh. Du warst alles für dich und nun muss ich das hier alles alleine hinkriegen hm? Meine Eltern haben sich getrennt, ich hab etliche Freunde verloren... Wichtige Personen... Damals hättest du mir damit geholfen, heute muss ich da alleine durch. Aber ich schaff das. Auch wenn ich nicht weiß, ob du sauer auf mich bist oder nicht... Das werde ich wohl erst erfahren, wenn ich wieder bei dir bin. Und ganz ehrlich? Ich freu mich tief in mir drinnen darauf, dich wiederzusehen. Ich glaub fest daran. Ich hab Sachen, die mich an dich erinnern... Ich hab zwei Fellsträhnen von dir... eine schwarze, eine weiße. Ich hab alle deine Hundemarken und einen Ball von dir. Und ich trage Tag und Nacht, rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag eine Kette, mit einem Stein dran, der die Farbe hat, die dein Fell im Schein der Sonne angenommen hat. Die Kette ist so eng, dass ich sie bei jeden Atemzug spüre. Ich will bei jedem Atemzug an dich denken. Aber das alles hilft mir nur ein ganz klein wenig. Du hast die andere Hälfte von mir mitgenommen. Mein halbes Herz, meine halbe Seele. Mein Sozialarbeiter sagt, dass ich mich glücklich schätzen soll, so eine Geschichte wie mit dir gelebt haben zu dürfen. Er sagt, dass es diese Verbindungen gibt, dass so eine Verbindung allerdings nur eine Hand voll Menschen mit einem Tier erleben dürfen. Du bist und bleibst für immer ein Teil von mir! Nie werde ich dich vergessen! Ich liebe dich Großer, du bist gestorben, wie du gelebt hast. Als mein Held. Irgendwann kommt der tag, an dem wir wieder eins werden. Bis dann.

21.7.14 15:01

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